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Wenn die Fährte plötzlich aufhört

Winkelarbeit bei der Fährtensuche

Interview mit Marco Apitz:
2024 hat Marco Apitz mit seiner Schäferhündin Bayleah auf einer großen Fährtenhunde-Meisterschaft die volle Punktzahl erreicht: 2x100 Punkte bei der Bundesfährtenhundeprüfung am 26. und 27. Oktober in Rochlitz. Wie schafft man so einen fehlerfreien Lauf? Wir haben mit Marco Apitz über Winkelarbeit im Fährtenhundesport und seine Trainingsphilosophie geplaudert.


Fährtensuche ist eine der artgerechtesten Beschäftigungen für Hunde, schließlich sind ihre bis zu 220 Millionen Riechzellen in ihrer Nase seit Urzeiten auf das Aufspüren von Artgenossen und Beutetieren ausgelegt. Bei der Fährtensuche verfolgen die Hunde eine Spur, die vom Hundeführer oder einem Fährtenleger extra gelegt wurde. Auf Prüfungsniveau müssen die Hunde zudem ausgelegte Gegenstände finden und anzeigen, und werden dabei für die Ausführung und ihren Arbeitseifer mit Punkten bewertet. Haben sie von Anfang bis Ende eine überzeugende Leistung gezeigt, ist das 100 Punkte wert – was aber bei Weitem nicht an der Tagesordnung ist und schon gar nicht in allen Läufen einer Prüfung. Marco Apitz und seine Schäferhündin Bayleah reihen sich nun in die kurze Liste an Teams ein, denen dieser Geniestreich gelungen ist: „So ein Full House ist für mich bisher noch nicht dagewesen, das war schon etwas ganz Besonderes“, blickt er auf das Jahr 2024 zurück. Außerdem wurde Marco Apitz mit Bayleah noch Sieger bei der Landesfährtenhundemeisterschaft in Hohndorf und Vize bei der VDH DM IGP-FH in Schöndorf. Zudem hat das Team im IGP noch die FCI-Bundesqualifikation SV in Weissenbrunn (Platz 15) und die SV Bundessiegerprüfung in Heilbrunn (Platz 52) bestanden. 

SPORTHUND: Was ist Winkelarbeit eigentlich? 

Marco: In der Fährtensuche bedeutet ein Winkel, dass sich die Richtung der Fährte ändert. Was erstmal unspektakulär klingt, hat große Auswirkungen auf den Hund: für ihn bedeutet das nämlich, dass es erstmal keinen direkten Folgetritt gibt und die Fährte plötzlich aufhört. Der Begriff „Winkelarbeit“ umfasst daher alle Strategien und Techniken, die der Hund braucht, mit einem solchen Richtungswechsel umzugehen. 
Marco: Der Hund muss prüfen, ob es nicht vielleicht doch irgendwo einen Folgetritt gibt. Je nach Winkel muss er dabei immer anders vorgehen: bei einem spitzen Winkel muss er vielleicht einen Schritt rückwärtszugehen, um den Folgetritt zu finden. Vielleicht gibt es auch einen Abriss, den er dafür überwinden muss. Hat er den neuen Schenkel gefunden, muss er sich auf völlig neue Bedingungen einstellen: mit der Laufrichtig ändert sich zum Beispiel die Windrichtung und das ganze Feld kann sich verändern. Er geht im Zweifelsfall von einer straffen Leine in eine lockere Leine rein, also sprich, auch dort ändert sich das Umfeld. Und bei diesem ganzen Prozess soll er sein erlerntes Verhalten abspulen, darf also nicht hektisch werden, sondern soll in gleichbleibendem Tempo konzentriert weiterarbeiten. Das setzt ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung voraus. 
Marco: Winkel gehören in meinen Augen von Beginn an zum Training dazu. Deshalb baue ich schon direkt bei meinen Welpen Winkel in die Fährte ein. Meine Hunde sollten sich nicht darauf verlassen, dass eine Fährte immer nur geradeaus geht, sondern eben auch die Richtung ändern kann. Sie sollen lernen, rechts und links zu prüfen, wenn es geradeaus nicht weitergeht. Das ist die Grundlage der Fährtenausbildung.
Marco: Bei Welpen lege ich die ersten Fährten auf unserer Wiese im Garten. Die kann man durchaus drei, vier Mal wiederholen, weil die Spur dann schön ausgetreten ist. Mit der Zeit werden die Schenkel länger und nach und nach erhöhe ich die Zahl der Winkel. Wenn meine Junghunde etwa zehn Monate alt sind, haben sie auf diese Weise schon einige Streckenverläufe und Winkel kennengelernt.
Marco: Wie gesagt – der rechte Winkel von 90 Grad ist automatisch ein leichter Winkel, weil der Hund den Richtungswechsel leicht erkennen kann: geradeaus kommt nichts mehr, aber genau in 90 Grad kommt wieder ein Tritt. Außerdem führt die Fährte immer vom Hundeführer weg, er braucht also nicht rückwärts Suchen oder dem Hundeführer entgegen Suchen. 
Marco: Einmal werden die Winkel also spitzer, außerdem kann ich Schlangenlinien und Bögen in meine Fährte einbauen. Der Hund soll ja nicht in Routine verfallen, sondern weiterhin etwas zum Nachdenken haben und konzentriert sein. Außerdem kann ich Fährtenabrisse einbauen, zum Beispiel, indem ich mit einem großen Schritt über einen Grasbüschel hinweg steige. Dann kann ich das Gelände variieren. Es ist ein großer Unterschied, ob ich auf einer auf einer jungen Saat gehe, auf einem abgeernteten und festgefahrenen Maisfeld oder auf einem Kartoffelacker. Wenn ich den Winkel also an einen Geländeübergang lege, zum Beispiel an einem Weg oder in Traktorspuren hinein, erhöht das den Schwierigkeitsgrad enorm. Oder wie alt die Fährte ist, eine Stunde oder fünf. 
Marco: Das kommt drauf an, in welchem Trainingsstand wir uns gerade befinden. Die stark getretene Spur für einen Welpen ist gut am plattgetrampelten Gras oder an den Fußspuren zu erkennen – zumal ich zu diesem Zeitpunkt immer nah am Hund laufe. In der fortgeschrittenen Ausbildung orientiere ich mich an Geländemarken: an einem Stein, einer Blume. Andere stecken ihre Fährte ab oder kennzeichnen mit Fährtenkreide. Wenn man so verfährt, sollte die Markierung allerdings möglichst deutlich hinter dem Winkel sein. Ansonsten verändere ich die Fährte: wenn ich die Kreide direkt am Winkel auftrage, habe ich mich erst gebückt und dann eine Substanz aufgebracht. Beides verändert den Geruch. Das birgt das Risiko, das der Hund möglicherweise mit der Zeit auf diese Markierung reagiert. Aber das will ich nicht, er soll nur den Winkel erkennen. Daher nehme ich lieber in Kauf, dass er im Training auch mal einen Winkel überläuft und stattdessen aus seinem Fehlerverhalten lernt. Das ist für mich ganz wichtig.
Marco: Der Hund soll Fehler machen und daraus das richtige Lösungsverhalten lernen. 
Marco: Bei einem Welpen, der noch mehrmals am Tag Futter bekommt, richte ich mich zeitlich oft nach den Mahlzeiten und baue eine Ration in die Fährte ein. Später lege ich die Fährten dann, wenn ich Zeit habe. Dann lege ich die Fährte zum Beispiel vor der Arbeit und gehe danach mit dem Hund suchen. Dann wird es auch schon mal dunkel. Am Wochenende gehen wir auf jeden Fall und treffen uns gerne mit anderen Teams vom Hundeplatz. Ich achte also nicht darauf, ob meine Hunde Hunger haben oder nicht. Wenn man es geschafft hat, bei seinem Hund eine gewisse Arbeitsmotivation zu erzeugen, spielt das auch nicht unbedingt eine Rolle. Dann ist die Fährte an sich das Erlebnis und das Leckerli dort ist die Belohnung.
Marco: Ich habe – wie wahrscheinlich die meisten anderen Hundesportler auch – so meine Irrwege beschritten. Mir wurde zum Beispiel noch gezeigt, dass man sich zum Fährtelegen ein Stück Fleisch mit einem Strick an den Fuß bindet und damit übers Feld läuft. Das mache ich schon seit vielen Jahren nicht mehr so. Aber es geht ja um das Weiterentwickeln, das sich Ausprobieren und neue Methoden zu überlegen. Insgesamt bin ich meinem Schema immer recht treu geblieben und habe es immer nur weiterentwickelt und angepasst. 
Marco: Wir hatten früher mal einen Hund, der sehr demotiviert war. Bei ihm habe ich die Fährtensuche manchmal unterbrochen und am Gegenstand erstmal mit dem Ball gespielt. Bei meinen heutigen Hunden brauche ich das nicht mehr, weil sie eine viel höhere Grundmotivation haben. Die könnten sich nach einer Spielpause gar nicht mehr konzentrieren.
Marco: Das ist reine Erfahrungssache. Deshalb geht es auch nicht darum, sich streng am Lehrbuch zu orientieren und von A bis Z alles abzuspulen. In jeder Hundesportart musst Du wissen, was in dem Kopf des Hundes gerade vor sich geht. Wie geht es ihm gesundheitlich, wie ist sein Gemütszustand und wie motiviert ist er? Hat er gerade gefressen oder ist er hungrig? Beim Fährtensuchen kommen noch mehr Einflüsse dazu, weil ich immens von Umweltbedingungen abhängig bin. Scheint die Sonne oder stürmt es? All das hat einen großen Einfluss darauf, was der Hund gerade leisten kann. Und deshalb beeinflusst es, wie viel ich mich als Hundeführer einbringen muss. Braucht er Unterstützung oder lasse ich ihn bewusst mit seinem Problem allein? Bin ich überhaupt eine Hilfe oder eher ein Stressfaktor? Oder muss ich vielleicht sogar mit einer Strafe agieren, weil er nur oberflächlich bei der Sache ist? All das sind Gründe, warum ich mein Training nicht einfach abspulen kann. Manchmal muss ich im Training sogar drei Schritte zurückgehen, ihm neue Sicherheit geben und dann weiterzugehen.
Marco: Also ich mache Hundesport, seit ich Jugendlicher bin. Ich hatte damals den Hund meiner Mutter eine Zeit lang übernommen, weil sie einen Schlüsselbeinbruch hatte. Zusammen sind wir auf den Hundeplatz gegangen. Schutzdienst war noch nichts für mich, deshalb haben wir mit der Fährtensuche angefangen. Das hat mir schon immer Spaß gemacht. Es ist eine Sportart, die man sehr gut alleine machen und vorankommen kann. Wenn es Spaß macht, man immer größere Ansprüche stellt und diese gemeinsam mit seinem Hund bewältigt, entwickelt man sich weiter. So bin ich immer ein Stück weit gewachsen. Später habe ich auch als Schutzdiensthelfer gearbeitet und die Hunde ringsum von irgendwelchen Bekannten und Nachbarn ausgebildet. 
Marco: Ich fahre mit Bayleah vom 31. März bis zum 5. April nach Rohrbach-Berg in Österreich zur FCI IGP Fährtenhunde-Weltmeisterschaft. Ansonsten fängt im Herbst die Saison 2025/26 wieder an. Als Bundessieger bin ich mit ihr direkt bei der Bundesfährtenhundeprüfung im Oktober in Paderborn gesetzt, und darf mit der Mannschaft bei der VDH Deutschen Fährtenhundemeisterschaft mitmachen und uns vielleicht für die Weltmeisterschaft qualifizieren. Damit habe ich für 2025 schon zwei große Ziele. Außerdem werde ich bei der Landesfährtensuche mitmachen. 

SPORTHUND: Was bedeutet das für den Hund? 

SPORTHUND: Ich sehe schon: ich habe Winkel bislang völlig unterschätzt. Wie bringst Du Deinem Hund bei, an einem Winkel richtig zu agieren?

Am Anfang wird es einfach eine gerade Fährte mit zwei, drei rechten Winkeln. Meine Tritte setze ich eng nacheinander und verstärke sie mit viel Futter. Dabei vermeide ich seitlich versetzte Tritte, damit der Hund mit dem Kopf nicht so stark pendeln muss. Um ihm den Richtungswechsel zu erleichtern, trete ich den Folgeschenkel stärker an als den, von der er kommt. Dazu mache ich zwei, drei Doppeltritte. All das ergibt ein relativ klares Bild für den Hund: es geht geradeaus nicht weiter, dafür aber nach links oder rechts. Das macht es ihm leichter, eine Entscheidung zu treffen, und genau das will ich ja verstärken. 

Bei den Welpen ist es viel Trial and Error, man macht im Grunde also Shaping (Link zum Shaping-Artikel). Der Hund soll selbst herausfinden, wo es weitergeht, also selbst die Folgespur finden. Dabei verstärke ich immer wieder richtiges Verhalten, indem ich ihn viel lobe, indem ich das Abbiegen mit Leckerlies positiv gestalte, die Leine freigebe und ihn emotional verstärke. Gleichzeitig verhindere ich sein Fehlverhalten, indem ich zum Beispiel die Leine festhalte, wenn er am Winkel in die falsche Richtung abbiegen will. Wenn er zu hektisch wird, breche ich die Übung im Zweifelsfall auch mal ab. 

SPORTHUND: Wie lange hältst Du dieses Schema bei?

SPORTHUND: Kannst Du den Schwierigkeitsgrad der verschiedenen Winkel erklären?

Ein stumpfer Winkel zwischen 90 und 180 Grad ist auch nur eine minimale Abweichung von einer Geraden. Spitze Winkel zwischen 0 und 90 Grad aber sind deutlich schwieriger, denn der neue Schenkel kommt dem Hund entgegen. Er nimmt ihren Geruch deshalb vielleicht früher wahr und kann zum Abkürzen neigen. Das ist aber nicht erwünscht: er soll trotzdem bis zum Ende laufen. In diesem Stadium übe ich mit ihm auch richtiges Fehlerverhalten. Wenn er den spitzen Winkel überlaufen hat, muss er rückwärts arbeiten. Ich muss ihm also den Rückwärtsschritt antrainieren, denn er soll außerdem beim Suchen nicht kreisen.

SPORTHUND: Wie lässt sich der Schwierigkeitsgrad weiter erhöhen?

All diese Veränderungen schulen den Hund, er bekommt Erfahrung und Selbstvertrauen. Der Schwierigkeitsgrad muss an den Ausbildungsstand des Hundes angepasst sein, so dass er seine Aufgabe immer alleine ohne Hilfe lösen kann. 

SPORTHUND: Wie merkst Du Dir Deine Fährte und wann Du wo abgebogen bist?

Viel wichtiger ist deshalb die Frage, ob ich den Verlauf des Winkels immer exakt kennen muss oder ob eine ungefähre Vorstellung davon reicht. Wenn der Hund einen Winkel immer überläuft, ist die exakte Kenntnis wichtig. Dann kann ich Hilfestellung leisten und mit dem Hund die Situation und Perfektion üben. In den meisten Phasen der Ausbildung reicht aber eine ungefähre Vorstellung, weil der Hund richtiges Lösungsverhalten bereits gelernt hat. Ich variiere deshalb auch gerne eigene und Fremdfähren. Meine Frau legt mir zum Beispiel regelmäßig Fährten. Dann weiß ich nicht genau, wo es langgeht, und muss viel mehr auf den Hund vertrauen.

SPORTHUND: Wie wichtig sind Fehler in Deiner Trainingsphilosophie?

SPORTHUND: Wie baust Du das Training in den Tagesablauf ein? Ist der Hund dabei nüchtern?

Allerdings kann es bei einem eher eigensinnigen Hund von Vorteil sein, wenn er nicht gefressen hat. Umgekehrt profitiert ein hektischer und stürmischer Hund vielleicht davon, wenn er nicht zu hungrig ist. Auch dabei muss man sich nach dem Hund richten. 

SPORTHUND: Gibt es im Hinblick auf die Ausbildung Dinge, die Du gerne früher gewusst hätten?

SPORTHUND: Gab es bei Deinen Hunden in der Ausbildung Unterschiede?

Das grundsätzliche Lernverhalten ist bei jedem Hund gleich. Insofern sind die Grundelemente der Ausbildung auch immer gleich: richtiges Verhalten belohnen und fördern, falsches Verhalten korrigieren und vermeiden. Auf diese Weise möchte einen Arbeitswillen erarbeiten. Aber ich muss mich natürlich an den individuellen Hund anpassen und überlegen, was ihm in einer bestimmten Situation weiterhilft. Dabei muss ich manchmal auch experimentieren. Das ist das Schöne an der Fährtenarbeit: man kann sich ausprobieren. Mit einer leichteren oder schwereren Fährte, mit mehr oder weniger Futter, und so weiter. 

Das ist die eigentliche Kunst: zu erkennen, wo sich der Hund in seinem konkreten Leistungsstand befindet. Und wie seine Tagesform ist, wie viel ich also an diesem konkreten Tag von ihm abverlangen kann. Und wieviel Unterstützung braucht er. Der Hund ist ein Lebewesen, der nicht jeden Tag gleich ist und nicht jeden Tag die gleiche Leistung zeigt. Genau wie wir Menschen. Dann gilt es nicht unfair zu sein, wenn der Hund heute mal die Leistung nicht bringen kann. Auf der anderen Seite darf er nicht mit Laissez-faire durchkommen. 

SPORTHUND: Wie lange dauert es, bis man seinen Hund so lesen kann?

SPORTHUND: Wie bist Du eigentlich zum Fährtensport gekommen?

SPORTHUND: Welche Ziele hast Du für 2025?

SPORTHUND: Vielen Dank für das Interview!